|
Für wen ist Yin-Stil-Bagua geeignet? Die von He Jinbao vermittelte Trainingsmethode, Yin-Stil-Baguazhang zu erlernen und zu praktizieren, orientiert sich in ausgeprägtem Maße an dem Ziel, dem Übenden ein solides Fundament zu verschaffen, welches absolute Voraussetzung für die Effektivität der Anwendungsideen ist, und das dann als Basis für das Erlernen der Formen und weiterer Tierstile genutzt werden kann. Wer an Yin-Stil-Bagua interessiert ist, sollte daher Interesse an einer Trainingsmethodik haben, die anstrengend und schweißtreibend ist. Insbesondere aufgrund der kräftig ausgeführten Schlagtechniken ist es sehr wichtig, die Übungen sehr korrekt und präzise auszuführen, damit es nicht zu Verletzungen kommt. Bei korrekter Ausführung bewirken die Übungen jedoch keinerlei Verschleißerscheinungen, sondern halten den Körper bis ins hohe Alter jung, kräftig und geschmeidig. Um die volle Wirkung der Übungen erfahren zu können, ist es nötig, “bitter essen” zu können und zu wollen, sowie bereit zu sein, Wissen und Fähigkeiten aus eventuell vorher praktizierten anderen Kampfkünsten loszulassen. Sehr viele Regeln und Prinzipien aus anderen (sowohl inneren wie äußeren) Kampfstilen haben im Yin-Stil-Bagua keine Gültigkeit, oder weisen in bedeutsamen Aspekten entscheidende größere und kleinere Unterschiede auf. Viele neu erlernte Aspekte derartiger Regeln gelten dann häufig auch nicht für das gesamte Yin-Stil-Bagua, sondern nur für einen oder mehrere der Tierstile, oder nur für eine bestimmte Gruppe von Techniken oder Übungen. Es gibt sehr bedeutsame Unterschiede zu bekannteren äußeren Kampfkunststilen (z.B. Shaolin-Stilen wie Langfaust etc.) wie auch zu den bekannteren inneren Stilen wie Taijiquan, Xingyiquan, Liuhebafa und anderen Bagua-Stilen. Überhaupt ist es notwendig, sich an ein Denken zu gewöhnen, dass es ständig neue und wichtige Abweichungen und Unterschiede gibt, und es sich ggf. abzugewöhnen, möglichst schnell das Grundprinzip verstehen zu wollen, an welchem man dann alles andere ausrichten und optimieren kann. “Bitter essen” bedeutet jedoch nicht, dass man sich während des Trainings ständig in maximaler Weise selbst quält, sondern vor allem, dass man stets neue Aspekte der Herausforderung und der Intensivierung der Praxis sucht, ohne sich selbst zu überfordern. Auf der einen Seite darf die eigene Motivation, intensiv zu trainieren, nicht überbelastet werden, während auf der anderen Seite die objektiven Erfordernisse für Trainingsfortschritte nicht ignoriert werden dürfen. Yin-Stil-Bagua eignet sich nur sehr begrenzt als ergänzende Kampfkunst zu anderen Stilen, weil sich die Übungsmethoden aufgrund von sehr wichtigen, aber oft kaum sichtbaren Unterschieden gegenseitig behindern würden, und der Aufwand, diese wichtigen Aspekte getrennt zu halten, den Gesamtaufwand für das Training der verschiedenen Stile unnötig erhöht und erschwert. Es ist besser möglich und vielleicht manchmal sinnvoll, andere Stile als Ergänzung zum Yin-Stil-Bagua zu betreiben, vor allem dann, wenn hinsichtlich der Haltungskorrektur keine gegenläufigen Vorgaben bestehen, so dass man die Haltungskorrekturen des Yin-Stil-Bagua und die erlernte Bewegungsdynamik auch bei der Praxis des ergänzenden Stils umsetzen und anwenden kann. Ein ergänzender Stil mag sinnvoll sein, wenn man Anwendungen trainieren will, aber nicht genügend Trainingspartner zur Verfügung stehen, die ebenfalls Yin-Stil-Bagua trainieren, oder wenn man Interesse an bestimmten Formen des Wettkampfs hat, denn Yin-Stil-Bagua ist kein Wettkampfstil. Generell gilt aber, dass man sich stets bemühen sollte, parallel betriebene Stile in allen Aspekten getrennt zu halten, und nicht durch Vermischung zu “verbessern”. Die Anwendungstechniken und -prinzipien des Yin-Stil-Bagua bauen auf dem soliden Fundament der Grundstellungen, der kräftigen Schlagtechniken sowie des Kreislaufens auf. Es ist nicht möglich, Yin-Stil-Bagua nur als eine Zusammenstellung verschiedener Formen, als eine Ansammlung von Anwendungstechniken oder als ein einziges “inneres Prinzip” zu erlernen und zu begreifen. Ein derartiger Versuch würde bestenfalls eine weitere Variante eines auf z.B. acht Kreise reduzierten Bagua-Systems oder eine weitere hauptsächlich technik- bzw. anwendungsorientierte Kampfkunst hervorbringen, aber es wäre kein Yin-Stil-Bagua mehr. Yin-Stil-Bagua zu erlernen bedeutet, die Vielschichtigkeit und den Variantenreichtum der Prinzipien nicht nur als Ansatz zu verstehen, sondern auch in vielfältiger Weise konkret umsetzen und anwenden zu können. Aus diesen Gründen ist es sehr wichtig, sich gründlich mit seinen eigenen Motivationen und seiner Trainingsbereitschaft auseinander zu setzen. Yin-Stil-Bagua orientiert sich an maximaler Effektivität und beinhaltet daher Übungen und Techniken verschiedenster Art, egal ob sie anstrengend oder nicht anstrengend, schmerzhaft oder angehm, langsam oder schnell, ästhetisch oder unästhetisch, innerlich oder äußerlich sind. Andere Idealvorstellungen, die eine Kampfkunst als Gesamtsystem betreffen, wie z.B. mit möglichst wenig Kraft- oder Trainingsaufwand möglichst viel Wirkung zu erreichen, egal ob dies durch besonders sensible Techniken oder durch ein Bewegungsprinzip erreicht werden soll, haben im Yin-Stil-Bagua keinen bedeutenden Platz neben dem Ziel der Effektivität. Solche Ideen können im Gesamtsystem des Yin-Stil-Bagua nur einzelne Teilbereiche betreffen, aber nicht den gesamten Charakter prägen. Auch wenn man keine Kampfambitionen in Sinne realer Auseinandersetzungen (Wettkampf, Sparring etc.) hat, ist es dennoch wichtig, seine persönlichen Motivationen mit den Vorgaben der Kampfkunst abzustimmen, denn eine ausschließlich an Spiritualität oder an der Pflege der Gesundheit orientierte Version vom Yin-Stil-Bagua gibt es nicht (es sei denn, man sucht die spirituelle und gesundheitliche Wirkung genau in dieser Kompromisslosigkeit). Es ist natürlich wichtig und legitim, die Übungsmethoden an die eigene körperliche Konstitution anzupassen, und sich selbst bei seiner Zielsetzung nicht zu überfordern. Man sollte sich dabei jedoch bewußt sein, dass eine solche angepaßte Methodik ab einem bestimmten Grad der Veränderung nicht mehr den rahmengebenden Merkmalen des Stils entsprechen könnte, die mit den chinesischen Begriffen “wen” (fest, stabil), “zhun” (genau, präzise), “hen” (unbarmherzig, wild, grausam, engl. vicious), “leng” (kalt, kaltblütig), “cui” (knackig, knusprig, bissig, engl. crisp) und “kuai” (schnell) beschrieben werden. Hier wäre es wichtig, sich zumindest in geistiger Hinsicht mit diesen Merkmalen zu identifizieren, damit es zu keiner nachhaltigen Verwässerung des Stils und der Übungsmethodik kommt. Aufgrund dieser Aspekte ist es schwierig, Altersangaben zu machen, für wen Yin-Stil-Bagua geeignet ist, und für wen nicht, bzw. nicht mehr. Es ist einerseits gut, so jung wie möglich damit zu beginnen, allerdings dürften junge Menschen im Alter von unter 18 oder 20 Jahren nur selten Verständnis für die notwendige Disziplin und andere Aspekte der Kampfkunst aufbringen. Bei einem nicht mehr ganz jungen Einstiegsalter von (beispielsweise) über 40 Jahren hängt der Erfolg und die Vermeidung von Trainingsverletzungen sehr stark davon ab, wie körperlich und sportlich fit und in motivationaler Hinsicht flexibel jemand ist (z.B. um die Haltung der Wirbelsäule beim Training entscheidend zu verändern, in eine andere Haltung als im Alltag und in eine andere als im Taijiquan, die möglicherweise über Jahre oder Jahrzehnte praktiziert und vertieft wurde). Es gibt jedoch sogar über 70-jährige, die Yin-Stil-Bagua sehr ernsthaft praktizieren. Für Kampfkunstinteressierte, denen eine Ästhetik flüssiger Formen, ein ständig angenehmes Gefühl beim Üben, eine vornehmliche Orientierung an Weichheit oder Nachgiebigkeit, oder eine hauptsächlich gesundheitliche Wirkung wichtiger ist als der “knackige” (chinesisch “cui”) Charakter des Yin-Stil-Bagua, für diejenigen ist Yin-Stil-Bagua kaum geeignet, und es gibt für solche Interessenslagen passendere Stile, seine Ziele zu erreichen.
|